Helden & Urweiber No. 12

Ihr lieben spirituellen Frauen und Männer – verpassen wir gerade den Auftrag Menschsein?
Ich habe in den vergangenen Jahren viele Menschen kennengelernt, die so wie ich unglaublich viel über sich wissen.
Wir haben Bücher gelesen. Seminare besucht. Ausbildungen gemacht. Meditiert. Reflektiert. Gefühlt. Geheilt. Losgelassen. Wieder angenommen. Das innere Kind gefunden, den inneren Mann entdeckt, die innere Frau befreit und vermutlich irgendwann auch den inneren Hausmeister kennengelernt.
Wir kennen unsere Bindungsmuster.
Unsere Trigger.
Unsere Urwunden.
Wir wissen, warum Mama war, wie Mama war, warum Papa nicht konnte, wie Papa hätte können sollen, und weshalb der letzte Partner eigentlich nur ein Spiegel war.
Wir wissen inzwischen verdammt viel.
Und das ist gut.
Wirklich.
Vielleicht war diese Phase sogar bitter notwendig.
Aber langsam beschleicht mich eine Frage:
Wann fahren wir eigentlich los?
Manchmal kommt mir unsere ganze Selbstentwicklung vor wie Columbus an der Kaimauer.
Das Schiff liegt vor uns.
Wir haben es jahrelang repariert. Die Segel erneuert. Die morschen Bretter ausgetauscht. Navigation gelernt. Die Mannschaft überprüft. Proviant gebunkert. Den Wetterbericht gelesen.
Wir haben sogar verstanden, warum wir als Kinder Angst vor Wasser hatten.
Großartig.
Und jetzt?
Stehen wir am Kai.
Der eine hat vielleicht schon die rechte große Zehe am Schiff.
Die andere steht zwei Meter entfernt und überlegt noch.
Einer versteckt sich hinter der Kaimauer.
Und wieder andere sind irgendwo zwischen Gaukler, Zuckerwatte und Fahrgeschäft verschwunden und erklären sich gerade gegenseitig, wie herrlich unabhängig sie inzwischen sind.
Alles okay.
Ich werde dir nicht sagen, wo du stehst.
Das darfst du selbst herausfinden.
Aber wenn dich diese Zeilen gerade ein bisschen ärgern, wenn irgendwo in dir ein leises „So ein Blödsinn!“ auftaucht oder du bereits drei gute Argumente hast, warum das bei dir natürlich vollkommen anders ist:
Hab dich!
Und?
Traust du dich?
Kommst du zum Schiff? Kommst auf’s Schiff?
Machst du den Schritt?
Wenn Entwicklung zur Sicherheit wird
Ich liebe Entwicklung.
Ich liebe Bewusstsein.
Ich liebe Menschen, die bereit sind, sich selbst anzuschauen, statt ständig die anderen für ihr beschissenes Leben verantwortlich zu machen.
Aber auch etwas Gutes kann irgendwann zu einem wunderbaren Versteck werden.
Selbstentwicklung kann irgendwann selbst zur Co-Abhängigkeit werden.
Nicht unbedingt von einem Menschen.
Sondern von Sicherheit.
Noch ein Buch.
Noch ein Seminar.
Noch eine Aufstellung.
Noch eine Ausbildung.
Noch eine Runde innere-Kind-Arbeit.
Noch etwas loslassen.
Noch ein bisschen mehr Selbstliebe.
Noch ein bisschen mehr bei mir ankommen.
Und dann.
Dann bin ich bereit.
Wofür eigentlich?
Für einen Menschen, der ebenfalls vollständig geheilt, bewusst, reflektiert, bindungssicher, sexuell befreit, finanziell unabhängig, spirituell erwacht und selbstverständlich frei von sämtlichen Triggern ist?
Viel Spaß bei der Suche.
Vielleicht begegnet er dir gemeinsam mit dem Yeti.
Ich überzeichne.
Natürlich.
Und gleichzeitig meine ich es verdammt ernst.
Denn hinter dem Wunsch, zuerst vollkommen bei sich anzukommen, kann irgendwann ein anderer Wunsch auftauchen:
Ich möchte nicht mehr verletzt werden.
Verständlich.
Nur ist das keine Zusage, die das Leben macht.
Liebe macht sie schon gar nicht.
Begegnung auch nicht.
Du kannst heute einem Menschen begegnen, der dich umhaut – und morgen feststellen, dass ihr euch nichts zu sagen habt.
Du kannst einen Kaffee trinken und nach zwanzig Minuten wissen: Nett. Das war’s.
Du kannst dich verlieben und drei Monate später heulen.
Du kannst miteinander im Bett landen und am nächsten Morgen feststellen, dass die Nacht wesentlich besser war als das Frühstück.
Oder du begegnest jemandem und Jahre später denkst du:
Was für ein verdammtes Glück, dass ich damals hingeschaut habe.
Vorher weißt du es nicht.
Willkommen im Leben.
No risk, no Wir.
Für mich bedeutet Risiko dabei nicht, dass ich Samstagabend auf Partnersuche gehe und alles angrabe, was bei dreimal Klatschen nicht rechtzeitig auf einem Baum sitzt.
Es bedeutet auch nicht, mich in die ersten schönen Augen zu verlieben und nach einem geilen Abend zu beschließen:
Das muss es jetzt sein!
Das ist kein Mut.
Das ist unter Umständen einfach nur Samstagabend.
Bewusstes Risiko ist etwas anderes.
Es bedeutet für mich:
Der Mut ist bereits gefasst. Die Entscheidung ist bereits getroffen.
Ich bin bereit.
Nicht für irgendjemanden.
Nicht um jeden Preis.
Nicht weil Alleinsein unerträglich wäre.
Sondern für Begegnung.
Wenn sie geschieht.
Ich weiß vorher nicht, ob daraus ein Kaffee wird, eine Freundschaft, eine leidenschaftliche Nacht, eine große Liebe oder ein gemeinsamer Lebensweg.
Und genau das muss ich auch nicht wissen.
Ich bin bereit für den Fun, obwohl ich das Risk kenne.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Vielleicht begegnen wir einander längst – und erkennen uns nur nicht
Ich beobachte viele Frauen, die sich auf den Weg gemacht haben.
Und ja, nach meiner Wahrnehmung sind es derzeit mehr Frauen als Männer.
Frauen lesen, forschen, reflektieren, besuchen Seminare, beschäftigen sich mit ihren Mustern, ihrer Weiblichkeit, ihrer Sexualität, ihren Wunden und ihrer Geschichte.
Bei den Männern bewegt sich ebenfalls etwas.
Endlich.
Aber da ist noch Luft nach oben.
Sehr viel Luft.
Und trotzdem beobachte ich etwas Merkwürdiges.
Gerade bei Menschen, die viel an sich gearbeitet haben, scheint das Ich manchmal hervorragend zu funktionieren.
Das Wir dagegen?
Schwierig.
Social Media ist dafür ein interessantes Schaufenster.
Die eine zeigt täglich ihren durchtrainierten Körper.
Der andere seinen Erfolg.
Die nächste ihr tägliches Workout.
Der nächste seinen Lifestyle.
Dann 27 Fotos vom Gipfelkreuz, acht vom selbstgebackenen Kuchen und 19 vom Spaziergang durch die schönste Stadt der Welt.
Und mindestens auf jedem zweiten Bild:
Ich.
Natürlich lächelnd.
Das kann einfach Freude sein.
Ausdruck.
Lebenslust.
Warum denn nicht?
Oder irgendwo darunter steckt eine uralte Frage:
Siehst du mich?
Bin ich schön?
Bin ich interessant?
Bin ich erfolgreich?
Bin ich begehrenswert?
Bin ich jemand?
Gibst du mir ein Herz?
Ein Like?
Ein bisschen Wert?
Und das gilt für Frauen genauso wie für Männer.
Die Verpackungen unterscheiden sich.
Das Prinzip ist uralt.
Besonders spannend finde ich die demonstrative Unabhängigkeit.
Mir geht es soooo gut alleine.
Wunderbar.
Wirklich.
Nur manchmal möchte ich fragen:
Ist eigentlich noch jemand eingeladen?
Oder ist aus Selbstständigkeit längst eine Festung geworden?
Aus Grenzen eine Mauer?
Aus Selbstliebe ein geschlossenes System?
Aus „Ich brauche niemanden“ vielleicht sogar ein neuer Glaubenssatz?
Denn natürlich brauche ich keinen Partner, um ein vollständiger Mensch zu sein.
Aber vielleicht ist genau das gar nicht die Frage.
Vielleicht lautet sie:
Kann ich jemanden wollen, ohne ihn zu brauchen?
Kann ich mich einlassen, ohne mich zu verlieren?
Kann ich lieben, ohne festzuhalten?
Kann ich begehren, ohne zu besitzen?
Kann ich mich hingeben, ohne mich aufzugeben?
Kann ich unabhängig sein und trotzdem tief verbunden?
Jetzt wird es interessant.
Vielleicht finden wir die anderen auch nicht dort, wo wir suchen
Wo sind denn die bewussten Frauen?
Wo sind die bewussten Männer?
Keine Ahnung.
Vielleicht posten sie gerade nicht.
Vielleicht sitzen sie nicht im nächsten Seminar.
Vielleicht haben sie keine Dating-App.
Vielleicht schreiben sie keine täglichen Abhandlungen darüber, wie bewusst sie inzwischen sind.
Vielleicht fährt sie gerade mit dem Fahrrad an dir vorbei.
Vielleicht steht er beim Bäcker.
Vielleicht sitzt sie in der Schnellbahn.
Vielleicht geht jemand am Salzachufer spazieren.
Und plötzlich treffen sich zwei Blicke.
Das lässt sich nicht planen.
Echte Begegnung ist nicht Amazon Prime.
Heute bestellt, morgen geliefert.
Sie geschieht.
Aber ich kann etwas dafür tun:
anwesend sein.
Nicht suchen.
Nicht jagen.
Nicht erzwingen.
Aber die Augen öffnen.
Spüren.
Wahrnehmen.
Offen sein.
Denn möglicherweise läuft der Mensch, der mich neugierig machen könnte, längst an mir vorbei, während ich auf mein Handy schaue und einen Beitrag darüber lese, wie wichtig Präsenz ist.
Die Ironie wäre kaum zu übertreffen.
Vielleicht haben wir das Pferd jahrhundertelang von hinten aufgezäumt
Uns wurde früh beigebracht, im Außen anzufangen.
Du musst deinen Eltern folgen.
Du musst etwas lernen.
Du musst etwas werden.
Du musst etwas leisten.
Du musst Geld verdienen.
Oder genauer:
ver-dienen.
Dann bist du jemand.
Dann hast du Wert.
Dann bist du attraktiv.
Dann kannst du vielleicht irgendwann einen Mann oder eine Frau bekommen.
Und wenn du jemanden bekommen hast, musst du natürlich dafür sorgen, dass du ihn auch behältst.
Allein dieses Wort.
Als wäre der Partner eine schlecht verschlossene Tupperdose.
Also funktionieren wir.
Gefallen.
Passen uns an.
Kontrollieren.
Erwarten.
Erfüllen geglaubte Erwartungen.
Und verlieren dabei ausgerechnet den Menschen, um den es ursprünglich gegangen wäre:
uns selbst.
Vielleicht besteht der Auftrag Menschsein deshalb tatsächlich zuerst darin, sich selbst zu entdecken.
Wer bin ich?
Was ist meins?
Was will ich?
Was brauche ich?
Was macht mich lebendig?
Wo verrate ich mich?
Wo mache ich mich klein?
Wo spiele ich eine Rolle?
Wie gehe ich mit meinem Körper um?
Mit meiner Energie?
Mit meiner Sexualität?
Mit Mutter Erde?
Mit meinen Kindern?
Mit den Menschen um mich herum?
Wie halte ich MICH in Balance?
Da beginnt es.
Immer.
Aber vielleicht haben wir in der spirituellen und bewussten Szene an dieser Stelle einen Denkfehler eingebaut.
Wir haben aus dem „Es beginnt bei mir“ irgendwann ein „Es endet bei mir“ gemacht.
Tut es das?
Ich glaube nicht.
Denn wenn ich mich entdeckt habe, beginnt doch erst das Abenteuer.
Dann kann dieses Ich hinausgehen.
Begegnen.
Lieben.
Streiten.
Lachen.
Vögeln.
Scheitern.
Erschaffen.
Kinder begleiten.
Freundschaften leben.
Gemeinschaft bilden.
Verantwortung übernehmen.
Mann sein.
Frau sein.
Mensch sein.
Co-kreieren.
Bienchen. Blümchen. Mann. Frau.
Wir können über Geschlechterrollen diskutieren, bis uns die Chakren aus den Ohren hängen.
Und natürlich hat jeder Mensch männliche und weibliche Anteile.
Natürlich gibt es unterschiedliche Lebensentwürfe und Ausdrucksformen.
Aber irgendwo unter all unseren Konzepten existiert eine verdammt alte Kraft.
Tag und Nacht.
Nord und Süd.
Plus und Minus.
Männlich und weiblich.
Urmann und Urweib.
Zwei Pole.
Und diese Pole haben eine ziemlich interessante Eigenschaft:
Sie wollen miteinander spielen.
Manchmal ziehen sie sich an.
Manchmal stoßen sie sich ab.
Manchmal tanzen sie umeinander.
Manchmal knallt es.
Manchmal entsteht aus ihrer Vereinigung neues Leben.
Und manchmal entsteht etwas anderes Neues.
Eine Idee.
Ein Zuhause.
Ein Projekt.
Eine Familie.
Eine Bewegung.
Eine neue Art miteinander zu leben.
Co-Kreation.
Und vielleicht liegt genau dort der nächste Entwicklungsschritt.
Wir haben gelernt, uns selbst zu finden.
Jetzt dürfen wir lernen, uns selbst mitzubringen.
Ins Wir.
Nicht wieder sich selbst aufgeben.
Nicht zerschmelzen, sondern verschmelzen.
Nicht abhängig werden.
Nicht die Verantwortung für unser Glück beim anderen abladen.
Sondern mit allem, was wir inzwischen über uns wissen:
auftauchen.
Als Mann.
Als Frau.
Als Mensch.
Natürlich macht das Angst.
Wie sollte es anders sein?
Das Unbekannte macht Angst.
Der erste Schritt vom Kai auf ein schwankendes Schiff ist etwas anderes, als vom sicheren Boden aus über Navigation zu philosophieren.
Und vielleicht stehst du gerade genau dort.
Vielleicht ist deine Zehe bereits am Schiff.
Vielleicht bist du noch zehn Meter entfernt.
Vielleicht versteckst du dich hinter der Kaimauer.
Vielleicht fährst du gerade zum siebzehnten Mal mit dem spirituellen Ringelspiel und erklärst dir dabei, dass du einfach noch ein bisschen Zeit brauchst.
Alles gut.
Schau hin.
Mehr verlange ich gar nicht.
Wo stehst du?
Und falls du jetzt merkst:
Scheiße. Er hat mich erwischt.
Dann:
Hab dich! 😉
Willkommen im Club.
Denn ich stehe genauso vor diesem Schiff.
Ich habe nicht die geringste Lust, irgendeinen Stier bei den Hörnern oder eine Kuh bei den Eutern zu packen, nur damit ich mir anschließend auf die Schulter klopfen und sagen kann: Na bitte, Walter, du lebst!
Nein.
Wenn der Impuls nicht da ist, ist er nicht da.
Es gibt nichts zu erzwingen.
Aber ich möchte bereit sein, wenn er da ist.
Ich möchte hinschauen.
Die Neugier spüren.
Den Mut bereits gefasst haben.
Und die Entscheidung bereits getroffen:
Ja. Ich lasse mich auf Leben ein.
Vielleicht ist das die eigentliche Schwelle unserer Zeit.
Nicht noch bewusster zu werden.
Sondern unser Bewusstsein endlich zu verkörpern.
Nicht nur über Liebe zu sprechen.
Lieben.
Nicht nur über Sexualität zu reflektieren.
Lust leben.
Nicht nur Grenzen verstehen.
Grenzen zeigen.
Nicht nur Verletzlichkeit predigen.
Sich zeigen.
Nicht nur Co-Kreation erklären.
Co-kreieren.
Und dabei bereit sein, dass es auch einmal ordentlich in die Hose geht.
Ready to fail.
Denn möglicherweise haben wir uns beim ganzen Heilen irgendwann eingeredet, das Ziel wäre ein Leben, in dem uns nichts mehr verletzt.
Vielleicht ist das Gegenteil wahr.
Vielleicht besteht Reife darin, zu wissen:
Ich kann verletzt werden – und ich kann trotzdem leben.
Ich kann scheitern – und wieder aufstehen.
Ich kann lieben – ohne Garantie.
Ich kann mich einlassen – ohne Vertrag mit dem Universum.
Ich kann den anderen frei lassen – und trotzdem bleiben.
Ich kann gehen – und trotzdem lieben.
Columbus konnte sein Schiff noch zehn Jahre warten.
Noch eine Karte studieren.
Noch einen Knoten lernen.
Irgendwann hätte er wahrscheinlich das am besten vorbereitete Schiff Europas gehabt.
Nur Amerika hätte er damit nicht entdeckt.
Dafür musste er eines tun:
vom sicheren Kai aufs Schiff steigen.
Nicht wissen, was kommt.
Und fahren.
Vielleicht ist das gerade unser nächster Schritt.
Vom bewussten Ich ins gelebte Wir.
Nicht zurück in Abhängigkeit.
Nicht zurück in alte Rollen.
Nicht zurück ins Patriarchat, Matriarchat oder irgendeinen anderen Machtbullshit.
Sondern vorwärts.
Ins Unbekannte.
Mit offenen Augen.
Mit Grenzen.
Mit Bewusstsein.
Mit Lust.
Mit Angst.
Mit Liebe.
Mit Neugier.
Und mit der Bereitschaft, uns gelegentlich ordentlich die Nase anzuschlagen.
Denn vielleicht sind wir gar nicht hier, um irgendwann fertig geheilt zu sein.
Vielleicht sind wir hier, um Mensch zu sein.
Und Menschsein findet nicht ausschließlich in mir statt.
Es geschieht auch dort, wo ich dir begegne.
Wo du mich berührst.
Wo ich dich berühre.
Wo wir uns herausfordern.
Wo wir einander freilassen.
Wo etwas zwischen uns entsteht, das keiner von uns alleine erschaffen könnte.
No risk, no Wir.
Also?
Wo stehst du?
Hinter der Kaimauer?
Am Kai?
Rechte große Zehe schon am Schiff?
Dann schau hin.
Spür hin.
Und wenn dein Moment kommt:
Traust du dich?
Ich schon.
Leinen los.
