Die duale Seele & Herzspiegel No. 14

Co-Abhängigkeit zeigt sich im Warten – und im Hoffen
Die schönsten Dinge tat ich aus Liebe.
Die dümmsten aber auch.
Ich habe gewartet.
Nicht einmal.
Nicht manchmal.
Immer wieder.
Als Kind stand ich am Fenster.
Kinderzimmer. Zweiter Stock.
Es war Nacht.
Ich wartete.
Darauf, dass meine Eltern vom Gasthaus nach Hause kommen.
Torkelnd. Laut. Unberechenbar.
Ich wartete darauf, zu sehen, in welchem Zustand sie sind.
Ob es ruhig wird.
Oder laut.
Ob ich sicher bin.
Und wenn sie da waren, bin ich schnell ins Bett.
Still. Unauffällig.
Damit ich nicht auch noch geschimpft werde,
weil ich noch wach bin.
Und dann…
konnte ich loslassen.
Dann war wieder so etwas wie Sicherheit da.
So viel, wie eben möglich war.
Ich habe damals nicht verstanden, was ich da tue.
Heute schon.
Ich habe gelernt:
👉 Warten bedeutet Sicherheit.
👉 Warten bedeutet Kontrolle.
👉 Warten bedeutet: vorbereitet sein.
Und genau dieses Warten
habe ich mitgenommen.
In mein Leben.
In meine Beziehungen.
In einer ersten Beziehung haben wir unser Leben vertagt.
Sommer auf Weihnachten.
Weihnachten auf Sommer.
Wir wussten beide,
dass etwas nicht stimmt.
Aber wir haben gewartet.
Darauf, dass sich etwas ändert.
Dass einer von uns etwas tut.
Dass es von selbst besser wird.
In einer weiteren Beziehung war das Warten anders.
Nicht ruhig.
Nicht hoffnungsvoll.
Angespannt.
Ich wusste nie, was kommt.
Wann es kommt.
Wie es kommt.
Ich war innerlich ständig bereit.
Nicht, weil ich wollte.
Sondern weil ich glaubte, zu müssen.
Auch das war Warten.
Und dann…
kam eine Verbindung in mein Leben,
die alles freigelegt hat.
Tiefer. Ehrlicher. Unausweichlich.
Ich stand wieder am Fenster.
Nicht mehr als Kind.
Als erwachsener Mann.
Und ich wartete.
Darauf, dass sie kommt.
Dass sie sich meldet.
Dass sich etwas bewegt.
Ich habe gespürt:
Heute könnte es sein.
Heute könnte sich alles ändern.
Heute könnte es gut werden.
Und während ich wartete…
habe ich mein Leben angehalten.
Ich bin nicht rausgegangen.
Habe nichts geplant.
War einfach… verfügbar.
Damit ich sie nicht verpasse.
Damit ich die Möglichkeit nicht verpasse.
Damit ich nicht schuld bin,
wenn es nicht passiert.
Ich habe gewartet.
Und ich habe gehofft.
Bis ich verstanden habe:
Ich habe nicht auf sie gewartet.
Ich habe auf mich gewartet.
Auf das Gefühl.
Auf die Bestätigung.
Auf die Liebe,
die ich mir selbst nicht gegeben habe.
Und dann kam die nächste Erkenntnis.
Ich habe nicht einfach gewartet.
Ich habe erwartet.
Dass sie sich meldet.
Dass sie kommt.
Dass sie erkennt.
Und genau damit
habe ich das Warten erschaffen.
Er-warten.
Ich hole mir das Warten selbst in mein Leben.
Halte es aufrecht.
Füttere es.
Mit Gedanken.
Mit Hoffnung.
Mit Möglichkeiten.
Und währenddessen…
vergeht das Leben.
Warten ist nicht still.
Warten ist nicht neutral.
Warten ist:
👉 nicht gehen
👉 nicht entscheiden
👉 nicht leben
Ich habe mein Leben auf Pause gestellt.
Für etwas, das vielleicht kommt.
Bis ich aufgehört habe.
Nicht radikal.
Nicht von heute auf morgen.
Aber bewusst.
Heute merke ich es sofort.
Wenn dieser Impuls kommt:
„Vielleicht meldet sie sich.“
„Vielleicht kommt sie.“
„Vielleicht passiert etwas.“
Und ich schaue hin.
Warte ich?
Erwarte ich?
Und dann lasse ich los.
Das Leben hat mir etwas gezeigt.
Alle wichtigen Begegnungen
in meinem Leben
sind nicht passiert,
weil ich gewartet habe.
Sondern genau dann,
wenn ich gelebt habe.
Unerwartet.
Ungeplant.
Unkontrolliert.
Bämm.
Das Leben erfüllt sich nicht,
wenn ich warte.
Das Leben erfüllt sich,
wenn ich es lasse.
Ich habe aufgehört zu warten.
Und damit
habe ich begonnen zu leben.
Im nächsten Teil liest du:
Co-Abhängigkeit zeigt sich im Helfen – und im Retten